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Finanzmärkte: Stellt die hohe Bewertung vieler Märkte eine tickende Zeitbombe dar?

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14.06.2017 | 10:22

Zu Jahresbeginn gab es weltweit Anleihen im Wert von 15 Trillionen Euro, die Negativzinsen aufwiesen – mit anderen Worten, es sind die Kreditgeber, die die Kreditnehmer dafür bezahlen, dass sie ihnen Kapital anvertrauen dürfen. Diese Absurdität beschränkte sich allerdings nicht nur auf Anleihen. Bis vor kurzem konnten die dänischen Staatsbürger ihren Immobilienkauf noch mit negativen Darlehenszinsen finanzieren: Ihre Bank bezahlte sie dafür, dass sie sich mit von der Bank geliehenem Geld ein Haus kauften!

Angetrieben von einem noch nie dagewesen Renditemangel auf den Anleihemärkten, steigen die Aktienmärkte auf immer höhere Niveaus. Unternehmen mit hohen Dividendenausschüttungen sind besonders gefragt: Ihre Aktien werden mittlerweile zu Rekordbewertungen gehandelt, was andererseits wiederum auf die Rendite drückt.
 
So werden einige in ihren jeweiligen Branchen dominante Blue Chips mittlerweile wie mit einem AAA Rating versehene Anleihen bewertet - dem sich aus der Kapitalstruktur ergebenden Risiko zu Trotz (im Insolvenzfall werden die Aktionäre zuletzt und die Halter der Anleihen als erstes bedient). Dabei kann doch die ohnehin schon hohe Rentabilität der Unternehmen nicht ins Unermessliche steigen.

Ein schelmischer Beobachter könnte anmerken, dass man in den letzten Jahren Anleihen gekauft hat, um Gewinne zu erzielen (dank dem Rückgang der Zinsen), und Aktien, um Rendite zu erwirtschaften. Eine sehr außergewöhnliche Situation!
 
So haben sich die Investoren mittlerweile an den Interventionismus der Zentralbanken auf den Finanzmärkten nicht nur gewöhnt sondern sie verlassen sich sogar darauf. Sie (die Zentralbanken) haben mit ihren umfangreichen Anleihenkäufen einen großen Anteil daran, dass sich die Preise verschiedener Wertpapierklassen auf historischen Höchstständen befinden. Die Zentralbanken der Welt besitzen mittlerweile Wertpapiere im Wert von 25 Trillionen Euro (doppelt so viel wie 2008).
 
Vom Schiedsrichter zum Marktteilnehmer geworden, intervenieren die Zentralbanken mittlerweile überall – in Nordamerika, in Europa, in der Schweiz, in Japan und in China – und alle verfolgen den gleichen Plan: niedrige Zinsen, Ankauf von Forderungen, Käufe in den wichtigsten Indizes.
 
Der Umfang des Engagements und die damit verbundene Preisverzerrung ist von historischem Ausmaß. Die Welt ertrinkt in Schulden mit anämischer Rendite und es vergeht kein Tag, an dem die Presse nicht von einem neuen Exzess berichten kann: italienische Staatsanleihen zu 2,8 % auf 50 Jahre (trotz einer nie zuvor da gewesenen Bankenkrise und Staatsverschuldung) oder saudische Staatsanleihen zu 4,5 % auf 30 Jahre (trotz einer verheerenden Wirtschaftslage nach dem Einbruch des Erdölpreises und einer explosiven geopolitischen Lage) schocken niemanden mehr. Besser noch, diese Titel sind sogar „oversubscribed“! (Die Nachfrage der Investoren übertrifft das Angebot)

Dieser irrationale Übermut bedroht möglicherweise das gesamte Finanzsystem und die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Wenn sich die Situation normalisiert, das heißt, wenn das Geld nicht mehr kostenlos oder nahezu kostenlos ist, werden die Zinssätze ansteigen und sich Preise der Anleihen automatisch nach unten korrigieren: Der damit verbundene Wertverlust wird desaströse Auswirkungen haben für viele der großen Institutionen, deren Bilanzen voller Niedrigzinsanleihen sind, wie beispielsweise die großen europäischen Versicherer. In der Versicherungsbranche erreicht die Ironie ihren Höhepunkt, denn strengere Auflagen haben Versicherer in den vergangenen Jahren regelrecht dazu gezwungen, Staatsanleihen auch auf dem niedrigsten Renditeniveau zu kaufen!

 
Anders formuliert, eine Rückkehr der Inflation auf ihr traditionelles Niveau von ca. 2% würde die Realrenditen dieser Anleihen deutlich negativ werden lassen. Der Wert der Anleihen wird in einem solchen Szenario abhängig von der verbleibenden Laufzeit fallen und könnte zu Panikverkäufen führen, wenn jeder Anleger seine Anleihen als erster loswerden will. Die potentiellen Verluste in einer solchen Situation sind nur schwer vorzustellen. 
 
Somit könnte die nächste Finanzkrise in der Tat noch umfangreicher werden als die, die wir vor ca. 10 Jahren erlebt haben. Gleichzeitig hat die Politik nur in sehr begrenztem Masse Vorkehrungen zur Abwendung einer neuerlichen Krise getroffen.

 
Der Internationale Währungsfonds hat seinerseits unlängst die nach seinen Berechnungen ausstehenden ca. 152 Trillionen (!) Euro an Verbindlichkeiten als eine systembedrohende Zeitbombe bezeichnet. Es steht zu befürchten, dass Investoren schon mit den ersten nennenswerten Zinsanstiegen große Verluste erleiden werden. Aber was passiert, wenn die Zinssätze nach dreißig Jahren Tiefstand zu ihrem historischen Mittelwert (3-5%) zurückkehren?
 
Schlussendlich würde der Anstieg der Zinssätze notgedrungen auch zu einer Neubewertung der Aktienmärkte führen: Kehrt die Rendite der Staatsanleihen (auch gerne als „risikofreier Zinssatz“ bezeichnet) auf ein normalisiertes Niveau von 3%, 4% oder 5 % zurück, steht zu erwarten, dass die Investoren die Aktienmärkte, auf denen ihnen diese Rendite von 5 % (sprich ein KGV von 20) „mit Risiko“ angeboten wird, in Scharen verlassen werden.
 
In diesem fragilen Umfeld sollten die Aktienanleger so wählerisch sein wie nie zuvor. 

 

Michel Gabrysiak
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